Sind denn nun die Hersteller schlampiger geworden in der Entwicklung? Ist der Kunde empfindlicher?
"Weder - noch" lautet meine Antwort. Die Empfindlichkeit des Kunden hat nur mittelbar etwas mit den Rückrufen zu tun. Wann ein Rückruf zwingend zu erfolgen hat, ist in vielen Ländern per Gesetz oder Verordnung festgelegt. Daneben gibt es natürlich noch die Befindlichkeit des Herstellers, der dann aus Imagegründen einen Rückruf veranlassen kann. Das hat in aller Regel seinen Hintergrund in eklatanten qualitativen Mängeln, die die Kundenzufriedenheit nachhaltig negativ beeinflussen könnten.
Aufgrund der mit den Rückrufen verbundenen Kosten wird von letzter Möglichkeit äußerst ungern und nur im absoluten Ausnahmefall Gebrauch gemacht.
Bleibt noch die Frage zu klären, warum meiner Meinung nach die Hersteller nicht schlampiger geworden sind. Bevor das Produkt in Kundenhand gerät stehen die Stufen Forschung, Design, Entwicklung und Produktion. Eine gängige Daumenregel besagt, dass die Beseitigung eines Fehlers in einer nachfolgenden Stufe Kosten mit dem Faktor 10 verursacht. Nicht zuletzt das ist der Grund für jeden Hersteller, Rückrufe und Garantiereparaturen auf ein Minimum zu beschränken.
Warum häufen sich dann trotzdem die Nachrichten über Rückrufe? Das hat zwei entscheidende Gründe. Zum einen steigt die Zahl der verbauten Teile am Fahrzeug immer noch an. Rein statistisch steigt mit der Anzahl der Teile auch absolut die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers in der Gesamtheit aller Teile.
Zusätzlich steigt die Anzahl der betroffenen Fahrzeuge durch die Gleichteile-Strategien. Man schätzt, das Volkswagen allein derzeit um die fünf Millionen Fahrzeuge mit dem konzerneigenen Modularen Querbaukasten (MQB) ausstattet. Auch untereinander tauschen Hersteller Teile oder gar ganze Fahrzeuge aus, wie die Kooperation von Ford mit PSA bei den Dieselmotoren oder die nahezu eineiigen Zwillinge Toyota GT-86 und Subaru BRZ bezeugen können.
Dadurch werden auf immer breiterer Front ganze Fahrzeugflotten anfällig für einzelne Fehler und stetig steigt die Zahl der zurückgerufenen Fahrzeuge.
Was dem Kunden heutzutage vielleicht noch eher das Gefühl vermittelt, Betatester zu sein, ist das Auftreten von schwer erklärbaren Fehlern, denen sowohl er selbst als auch der Händler manchmal ratlos gegenüber steht. Selbst einfachste Funktionen hängen heute am fahrzeugumspannenden Bus Netzwerk und ich denke in Zukunft sogar mit dem anderer Fahrzeuge.
Wenn in der guten alten analogen Zeit (die hier ja bereits heraufbeschworen wurde) die Fensterkurbel klemmte, half oft ein Tropfen Öl. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass der Fehler in einem defekten Außentemperatursensor zu suchen gewesen wäre.
OH